Jeden Herbst veranstaltete das Dorf die Lange Tafel, ein großes Essen auf dem Platz, und die Bäckerin Selma musste dafür dreihundert Brote backen. In diesem Jahr ging der Teig für alle schon in ihrem Laden auf, als ihr großer Ofen um sechs Uhr abends mit einem lauten Knall einen Riss bekam.
Selma setzte sich auf einen Mehlsack. Ihre Enkelin Lotte, die zehn war, rannte hinaus und läutete die Schulglocke. Bald kamen die Nachbarn. „Wer hat einen Ofen?“, fragte Selma. Alle hatten einen. Sie teilte den Teig in Stücke, und jeder nahm einen Eimer voll mit nach Hause.
Die ganze Nacht backte das Dorf. In jedem Fenster brannte Licht, und der Duft von warmem Brot erfüllte die Straßen. Kinder fuhren mit Broten in Tüchern auf dem Fahrrad umher.
Im Morgengrauen war die Lange Tafel voller Brot: runde Laibe, lange Laibe, Zöpfe, ein Brot in Herzform und eines, das ein wenig verbrannt war. Selma probierte ein Stück. „Das ist nicht mein Brot“, sagte sie. „Nein, Oma“, sagte Lotte. „Es ist unseres.“ Seitdem heißt das Fest die Nacht der hundert Öfen. Selma benutzt ihren rissigen Ofen als Blumentopf.